Quartiersprojekt „Lotte“

1. Wer ist eigentlich „Lotte“? Quartiersprojekt in Lottbek geplant

Seit drei Jahren gibt es in unserer Region das Projekt des Kirchenkreises Hamburg-Ost „Kirche mittendrin – Gemeinwesendiakonie in Bergstedt, Volksdorf und Hoisbüttel“. Das Projekt ist auf fünf Jahre angelegt und versteht sich im Wesentlichen als Quartiersentwicklungsprojekt. Die Kirche in der Region möchte sich damit noch einmal mehr in den  Verbund vorhandener Einrichtungen und Anbieter einbringen, um an dem  bestehenden  Netz sozialer Unterstützung mitzuwirken. Ein Ergebnis ist z. B. der Aufbau der „Beraterinitiative Wohnraumanpassung“, die seit 2014 unter dem Dach des Vereins für Altenhilfe in unserem Umfeld tätig ist.

Nun soll im Rahmen dieser Arbeit ein Nachbarschaftsprojekt initiiert werden. Wir wissen, dass viele Menschen vor Ort eine große Kenntnis im Hinblick auf ihr Quartier besitzen. Sie wissen sehr genau, was ein Quartier lebenswert macht und was die Lebensqualität schmälert. Es braucht aber Orte und gerahmte Prozesse, in die Bewohnerinnen und Bewohner ihr Fachwissen über das Quartier einbringen können, damit daraus ein Gestaltungsprozess entstehen kann. Ziel ist es, Quartiere so zu gestalten, dass Menschen dort gern leben, Kinder groß werden und Erwachsene altern und alt werden können.

Auf Grundlage statistischer Auswertungen und unter dem Aspekt exemplarisch und überschaubar zu arbeiten, fiel die Wahl auf die Nachbarschaft „Moorweg / Teichweg / An der Lottbek“ – kurz „Lotte“ genannt. Hier gibt es eine gemischte Bebauung; Kitas und Grundschule bringen viele Kinder in diese Nachbarschaft; gleichzeitig ist hier ein hoher Anteil älterer und alter Menschen zum Teil seit Jahrzehnten wohnhaft, von denen einige gut vernetzt leben, andere zu vereinsamen beginnen.

2. Projekt: „Lotte trifft Senator Neumann“

Ausgangssituation

Die drei Kirchengemeinden Bergstedt, Volksdorf und Hoisbüttel bilden die kirchliche Region 3 im Kirchenkreis Hamburg-Ost. Vor dem Hintergrund, dass diese Region hamburgweit die höchste Dichte an Einrichtungen für Menschen mit Behinderungen und eine große Anzahl an Einrichtungen für alte Menschen aufweist, ist hier seit April 2012 für die Dauer von fünf Jahren die Projektpfarrstelle „Kirche mittendrin – Gemeinwesendiakonie in Bergstedt, Volksdorf und Hoisbüttel“ angesiedelt. Diese hat u.a. den Auftrag, „Diakonie“ als Teil kirchlicher Arbeit in den Fokus der Kirchengemeinden zu rücken und im Sinne gemeinwesendiakonischen Handelns die Kirchengemeinden und die Einrichtungen miteinander zu vernetzen.

Im geografischen Zentrum der Region liegt das Senator-Neumann-Heim, eine norddeutschlandweit einmalige Einrichtung mit 114 Wohnplätzen für Menschen ab 18 Jahren mit schweren Körperbehinderungen und schweren neurologischen Erkrankungen. Alle Bewohner_innen der Einrichtung sind mobilitätseingeschränkt; die meisten benötigen Begleitung oder Hilfe, wenn sie Wege zurücklegen wollen. Formal gehört das Senator-Neumann-Heim zur Kirchengemeinde Volksdorf, die dort vor über 20 Jahren begann, Gottesdienste zu feiern. In den vergangenen zehn Jahren wurden diese Gottesdienste pastoral von regionalen bzw. Projektpfarrstellen weitergeführt, an deren Arbeit dieser Auftrag angegliedert wurde.

Unterstützt wurden die Gottesdienste von Anfang an durch ein Team ehrenamtlicher Helfer_innen, die seitdem für die musikalische Begleitung der Gottesdienste sorgen und die Bewohner_innen in ihren Rollstühlen oder Betten in den für den Gottesdienst zur Verfügung stehenden Saal begleiten oder bringen. Die Einrichtungsleitung unterstützt die religiösen Bedürfnisse der Bewohner_innen und ist kirchlichem Leben gegenüber aufgeschlossen.

Mit Beginn seiner Arbeit übernahm das Projekt „Kirche mittendrin“ die vorfindlichen Gottesdienste. Dieses war als Vakanzvertretung geplant, denn eine frei gewordene Gemeindepfarrstelle sollte mit dem Schwerpunkt „Diakonie“ besetzt werden. Die Projektpastorin übernahm zunächst das vorgefundene Modell, das die Gottesdienste einmal monatlich am Sonntagabend anbot. Bis Ende 2013 nahm sie in Absprache mit der Einrichtungsleitung und dem Team der Ehrenamtlichen einige Veränderungen vor: So wurde der Gottesdienst auf einen Wochentag (Mittwoch, 15.30 Uhr) verschoben, an dem auch Mitarbeitende der Einrichtung zur Verfügung stehen, um Bewohner_innen zum Gottesdienst zu bringen. Außerdem wurde das Team der ehrenamtlich tätigen evangelischen Kirche mit dem der katholischen Kirche zusammengelegt. Durch diese Maßnahmen und die nun ökumenisch ausgerichtete Arbeit wuchs die Zahl der Gottesdienstbesucher_innen kontinuierlich.

Anfang 2014 zeichnete sich ab, dass sich die Besetzung der Gemeindepfarrstelle mit dem Profil „Diakonie“ nicht wie geplant realisieren ließ. Daraus ergab sich die Frage, wie das Engagement im Senator-Neumann-Heim seitens der Kirchengemeinden in eine kontinuierliche und nachhaltige Arbeit überführt werden könnte. Ziel sollte sein, dass beide Seiten – Einrichtung und Kirchengemeinde – davon profitieren könnten.

Der Prozess

Das regionale Pfarrteam trat im Frühjahr 2014 miteinander in einen Austausch zu der Frage, wer zukünftig und dauerhaft die geistliche Verantwortung für das Senator-Neumann-Heim übernehmen würde. Freie Kapazitäten gab es nirgendwo. Ralf Weisswange, Pastor in der Kirchengemeinde Hoisbüttel, sah in der Zusammenarbeit mit der Einrichtung nicht in erster Linie die Mehrbelastung – die eine Übernahme von Verantwortung immer ist –, sondern die Möglichkeit, mit der Gottesdienstgemeinde neue Wege zu beschreiten, nachbarschaftlich einen Quartiersprozess anzustoßen und eventuell zu einer erweiterten Auslastung des Gemeindezentrums zu kommen. Begünstigend für die Entscheidung waren folgende Überlegungen:

Das Gemeindezentrum der Kirchengemeinde Hoisbüttel liegt im Ortsteil Lottbek, innerhalb dessen ein kleines Quartier – „Lotte“ genannt – derzeit im Fokus der Aufmerksamkeit liegt (s. Anhang Artikel aus dem aktuellen Gemeindebrief)

Das Gemeindezentrum liegt nur etwa einen Kilometer vom Senator-Neumann-Heim entfernt. Die Bewohner_innen können es also auch im Rollstuhl – einige selbständig, die meisten nur mit Begleitung – erreichen. Das Gemeindezentrum ist gut vorbereitet, denn es wurde im Lauf der vergangenen Jahre barrierefrei aus- und umgebaut.

Es waren gerade erste Kontakte zwischen Kirchengemeinde und Senator-Neumann-Heim geknüpft worden, denn die Gruppe der Ehrenamtlich Tätigen hatte angefragt, ob im Gemeindezentrum Hoisbüttel ein Grillfest für die Bewohner_innen des Senator-Neumann-Heims stattfinden könnte.

Einige Bewohner_innen sind in Rollstühlen selbständig in Hoisbüttel unterwegs. Den meisten Gemeindegliedern ist bewusst, dass es das Senator-Neumann-Heim gibt. Umgekehrt ist auch einigen wenigen Bewohner_innen des Senator-Neumann-Heims die Kirchengemeinde Hoisbüttel bekannt.

Hinsichtlich des Gottesdienstes mussten und sollten neue Wege gefunden werden, denn wochentags gab es keine freien pastoralen Kapazitäten für die bisherige Form. In Gesprächen zwischen Einrichtungsleitung und pädagogischer Leitung des Senator-Neumann-Heims, der Projektpastorin, Kirchengemeinde und den ehrenamtlich Beteiligten wurden im Herbst 2014 und im Frühjahr 2015 die vorhandenen Möglichkeiten ausgelotet. Alle Beteiligten unterstützten die Überlegung, zukünftig den sonntäglichen Gemeindegottesdienst in regelmäßigen Abständen nicht im Gemeindezentrum, sondern im Senator-Neumann-Heim zu feiern. Verabredet wurde zunächst ein vierteljährlicher Rhythmus. Der Gottesdienst am Mittwochnachmittag sollte eingestellt werden.

Alle waren überzeugt, dass es eine deutliche Win-Win-Situation geben würde. Die Vorteile für die Beteiligten:
Für die Bewohner_innen des Senator-Neumann-Heims, die auf Grund ihrer Erkrankung oder Behinderung die Einrichtung nur unter großem Aufwand verlassen können, bedeutet das gottesdienstliche Angebot am Sonntagmorgen eine Form von Normalität. Denn das „normale“ gottesdienstliche Angebot liegt am Sonntagvormittag. Viele erinnern auch ihre frühere Anbindung an kirchengemeindliche Bezüge und Abläufe und können daran wieder anknüpfen. Angehörige können es sich in der Regel besser am Sonntag einrichten, gemeinsam Gottesdienst zu feiern als an einem Wochentag.

Die Gottesdienstgemeinde der Kirchengemeinde Hoisbüttel macht sich auf den Weg zu anderen. Damit wechselt sie von der Komm- in die Geh-Struktur. Das ist ihr vertraut, denn sie feiert regelmäßig auch an anderen Orten im Quartier und in der Region Gottesdienst. Durch die Feier im Senator-Neumann-Heim rückt diese Einrichtung nun stärker in die Aufmerksamkeit. Beziehungen zwischen Bewohner_innen der Einrichtung und Menschen, die an anderen Orten im Quartier wohnen, können entstehen. Es werden nicht nur eventuelle Vorurteile oder Hemmungen, d.h. Barrieren in den Köpfen von Menschen, abgebaut, sondern Menschen mit und ohne Behinderung – bei aller Vorsicht im Gebrauch dieser Klassifizierung! – werden durch das gemeinsame Feiern des Gottesdienstes bereichert.

Für den Pastor ist es kein zusätzlicher Einsatz von Kapazitäten, denn der Gottesdienst muss ohnehin vorbereitet und durchgeführt werden.

Das Gottesdienstangebot selbst erhält eine Aufwertung. Denn wochentags ist es trotz der guten Zahl an Besucher_innen ein Angebot zwischen Arbeitsplatz, Therapien, Freizeitgestaltung und Abendessen. Mit der Verschiebung auf den Sonntag wird theologisch der Feiertag und damit Gottes Schöpfungswerk erinnert und gefeiert. Auch das Symbol der Gleichzeitigkeit des Gebets – alle Christinnen und Christen weltweit versammeln sich möglichst am Sonntag – wird damit wieder verdeutlicht.

Mittlerweile wurde der erste Sonntagsgottesdienst als Gemeindegottesdienst im Senator-Neumann-Heim als voller Erfolg gefeiert!

Nicht nur Bewohner_innen und Gemeindemitglieder erschienen zahlreich, auch Angehörige waren gekommen; ebenso feierten die Einrichtungsleitung und Mitarbeitende den Gottesdienst mit. Die Rückmeldungen waren ausschließlich positiv. Alle sehen in dieser Form der gottesdienstlichen Feier einen Gewinn und sind positiv auf weitere Zusammenarbeit und neue Kontakte eingestellt.

Ausblick auf das nächste Jahr

Verschiedene Themen, Pläne und Ideen sind zu bearbeiten: Es ist die Anfrage aufgekommen, ob den Bewohner_innen das vierteljährliche gottesdienstliche Angebot ausreicht; bisher hatten sie ein monatliches. Darüber wird es einen Austausch mit den Bewohner_innen geben, z.B. über den Bewohnerbeirat. Im Kreis der ehrenamtlichen Mitarbeiter_innen im Senator-Neumann-Heim wird in Zusammenarbeit mit Pastor Ralf Weisswange besprochen, wer eventuell welche zusätzlichen Aufgaben übernehmen könnte oder wo es neue Ehrenamtliche gibt, die dazu bereit wären. Hierfür ist auch abzuwarten, welche neuen Verbindungen oder Möglichkeiten aus dem sonntäglichen Angebot erwachsen werden.

Im Sommer 2014 fand das geplante und oben erwähnte Grillfest auf dem Gelände der Kirchengemeinde unter guter Beteiligung statt. Für 2015 ist es konkret erneut geplant.

Auf Grund der räumlichen Nähe von Senator-Neumann-Heim und Gemeindezentrum kann letzteres als Ziel für Bewohner_innen genutzt werden, das einige sogar selbstständig erreichen können. Kreative oder geistliche Ganztages-Angebote sind angedacht, z.B. handwerkliche Workshops oder Einkehrtage. Auf Seiten des Senator-Neumann-Heims wurde die Stelle einer Ehrenamtlichen-Koordinatorin neu besetzt. In Zusammenarbeit mit dieser soll geklärt werden, ob und wie solche Angebote aussehen könnten.

Auch für hauptamtlich Beschäftigte des Senator-Neumann-Heims kann das Gemeindezentrum ein Ort der Fortbildung werden, z.B. indem dort Themen wie „Religiöse Assistenz“ oder „Auszeit-Tage“ angeboten werden. Der Ort ist für Hauptamtliche leicht zu erreichen und bietet spirituell andere Möglichkeiten als der im Senator-Neumann-Heim zur Verfügung stehende Saal.

Fazit

Aus einer konkreten Situation heraus – das gottesdienstliche Angebot in einer Einrichtung für Menschen mit schweren Behinderungen oder Erkrankungen dauerhaft und nachhaltig aufrechtzuerhalten – entstand ein umfangreicher Prozess der Zusammenarbeit zwischen der Kirchengemeinde Hoisbüttel und dem Senator-Neumann-Heim.

An diesem Prozess sind die Leitungsstrukturen der Kirchengemeinde und der Einrichtung ebenso beteiligt wie „einfache“ Mitglieder der Kirchengemeinde und Bewohner_innen des Senator-Neumann-Heims. Ebenso umfasst der Prozess hauptamtlich und ehrenamtlich Tätige in der Kirchengemeinde und in der Einrichtung.

Die Gottesdienstgemeinden aus der Einrichtung und aus der Kirchengemeinde haben einen neuen Ort der Begegnung und des gemeinsamen Feierns gefunden, den es in dieser Form vorher nicht gab. Neue Beziehungen sind am Entstehen. Diese Beziehungen sind auch Generationen übergreifend, denn an den Gottesdiensten nehmen Jugendliche aus den Konfirmandengruppen teil, die auf diesem Weg Menschen und deren Zuhause – das Senator-Neumann-Heim – kennenlernen.

Innere Barrieren von „Menschen ohne Behinderung“ werden überwunden. Denn aus dem reinen Wissen, dass es das Senator-Neumann-Heim in unmittelbarer Nähe gibt, wird das Bewusstsein, wie dieser Ort konkret von innen aussieht, welche Menschen dort leben und wie man miteinander in Beziehung treten kann.